Vom Hirtenhund zum Familienhund

... ein kurzer Abriß zur geschichtlichen Entwicklung des Tibet Terriers.


Zur Entstehungsgeschichte der Vorfahren unseres heutigen Tibet Terriers gibt es wenig gesicherte Erkenntnisse, aber bereits bei Marco Polo finden in einer seiner Reisebeschreibungen Hunde Erwähnung, die dem heutigen Tibet Terrier ähnlich waren.
Die Tibeter bezeichneten diese Hunde als "Apsos", was soviel bedeutet wie: "gänzlich mit Haar bedeckt". Der kleine Apsotyp, der bevorzugt als Haushund gehalten wurde, er entspricht dem heutigen Lhasa Apso. Der größere, der für Aufgaben außerhalb des Hauses gehalten und auch als Hirtenhund eingesetzt wurde, kann als Ahne des Tibet Terriers gelten.

Die Ähnlichkeit mit anderen Hirtenhunden, besonders denen aus dem osteuropäischen Raum, ist sicher kein Zufall. Deren erstes Auftreten in Europa fällt in die Zeit der Mongolenfeldzüge. Die Vorfahren dieser Hirtenhunde haben ihren gemeinsamen Ursprung in einer Hunderasse, die zu dieser Zeit in den Steppen Asiens vorkam und von nomadisierenden Viehzüchtern mitgeführt wurde. Viehzüchter begleiteten mit ihren Herden die ausgedehnten Feldzüge jener Zeit, ein Umstand, der wesentlich zur Verbreitung der Vorfahren dieser Hirtenhunde beitrug, auch weit über der asiatischen Raum hinaus.
Die Abschottung der Bergvölker des Himalaya und die Unzugänglichkeit dieser Region, bis zur Kolonialisierung des indischen Subkontinentes, trägt Schuld daran, daß bis dahin der westlichen Zivilisation relativ wenig über die Lebensweise dieser Völker bekannt wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachen aber immer mehr Expeditionen auf, um die Lebensweise der Menschen in der Bergwelt des Himalaya zu ergründen.
Ein zweiter Umstand, der die Verbreitung Tibetischer Hunderassen außerhalb dieses Territoriums lange Zeit verhinderte, liegt im buddhistischen Glauben der Bewohner dieser Gebiete begründet. Deren Glaube verbot, einen Hund (als ein Wesen mit einer "Seele") zu verkaufen. Die Weitergabe erfolgte ausschließlich als Geschenk und war Zeichen besonderer Hochachtung und Wertschätzung des Beschenkten.


Als die ersten Exemplare dieser Hunde nach England gebracht wurden, fanden sie großes Interesse und man war bemüht, einen Standard zu erstellen. Diese Rasse ließ sich jedoch nicht eindeutig in eine der englischen Rassegruppen einordnen, so nannte man sie einfach "Lhasa Terrier". Beide Rassen wurden in England bis 1931 als "Terrier" geführt und gezüchtet, erst im Jahr 1931 erfolgte durch den englischen Kennel Club eine Anerkennung als eigenständige Rasse und zwar unter dem Namen Tibet Terrier.

Diese Bezeichnung ist aber unzutreffend und stiftet bis heute Verwirrung, da der Tibet Terrier weder nach Herkunft, noch in seinen Wesen mit dem Terrier zu tun hat!

Herr Thomas Lang beschreibt ausführlich im 1. Kapitel seines 1991 im Charisma-Verlag Paretz erschienenen Buches "Tibet Terrier?" die Geschichte und Entwicklung des Tibet Terriers. Leider war dieses Buch schon kurz nach Erscheinen sehr schnell vergriffen.

Die planmäßige Zucht des Tibet Terriers begann, als der englischen Ärztin Dr. Greig, die in Indien tätig war, eine Hündin als Welpen und 1 Jahr Jahr später einen Rüden, von einem tibetischen Händler als Dankgeschenk überreicht bekam. Im Jahr 1924 fiel in Indien der erste Wurf aus dieser Verpaarung. Nach ihrer Rückkehr nach England züchtete sie dann die ersten Hunde dieser Rasse in Europa.

1937 und 1939 kamen erfolgreiche Nachzuchten des Tibet Terriers nach Italien und Dänemark, im Jahr 1939 auch nach Deutschland. Mitte der 50-er und Anfang der 60-er Jahre wurden die Zuchtgrundlagen in den USA und in Kanada gelegt.1959 und in den 60-er Jahren erfolgten weitere Importe dieser Tibetischen Hunde aus England in die skandinavischen Länder, in die Schweiz, nach Österreich, Frankreich und Australien. In die Niederlanden gelangte der erste Tibet Terrier 1971, 1974 wurden in der damaligen CSSR erstmals Tibet Terrier gezüchtet.

Entscheidenden Anteil an der Zucht und Verbreitung des Tibet Terriers auf dem Gebiet der ehemaligen DDR hat Frau Gertrud Gartenschläger. Mitte der 70-er Jahre schuf sie mit einer tschechischen Hündin und einem dänischen Rüden unter dem Zwingernamen "von Potala" die Grundlage für manchen Züchter aus dem Osten Deutschlands. Hunde aus dieser erfolgreichen Zuchtlinie trugen wesentlich dazu bei, daß die Tibet Terrier eine der beliebtesten Gesellschaftshunderassen in den jetzigen Neuen Bundesländern wurden.
Unser erster Tibet Terrier ist ebenfalls auf diese Linie zurückzuführen. Bono von Katmandu ist leider 2003 im Alter von fast 15 Jahren verstorben. Dessen Vater "Rocky von Potalla" wurde in der DDR mehrfach erfolgreich in der Zucht eingesetzt und brachte stets sehr schöne, typvolle Nachkommen.

Für die Zucht maßgeblich, ist der FCI Standard Nr. 209 vom 20. 4. 1998. (TIBET TERRIER)
Die Erhaltung des einzigartigen Wesens dieser Hunde sollte eigentlich das wichtigste Zuchtziel für jeden Züchter sein. Leider verlief die Entwicklung in der Tibet Terrier Zucht seit der deutschen Wiedervereinigung nicht in eine Richtung, die solchen Zuchtzielen förderlich ist.

Das Ergebnis einer Studie von Herrn Rainer Marc Simon belegt:
Für viele Rassen ist es bereits fünf vor zwölf!

Im VDH hatte man das Problem erkannt. Wem nützen dessen Veröffentlichungen hinsichtlich sogenannter " Qualzuchten", wenn diese Erkenntnisse in seinen Mitgliedsvereinen nicht konsequent durchgesetzt werden und endlich allgemein bekannten "Hundevermehrern" unter vielen "seriösen" VDH Züchtern die Grundlage entzogen wird.



Die Zuchtschauordnung des VDH sollte bei korrekter Durchsetzung auf dessen Ausstellungen, gezeigte Tibet Terrier favorisieren, die in ihrer Gesamterscheinung dem Rassestandard am Nächsten kommen.
Wenn aber Hunde durch Siegertitel aufgewertet werden, die in der Größe mitunter 5 cm über der im Standard festgelegten Obergrenze liegen, wenn man Hunde gewinnen läßt oder plaziert, deren einziger Vorzug in der Haarlänge liegt, darf man sich im Nachhinein nicht über die Auswirkungen für die Tibet Terrier Zucht wundern. Ererbte Zahnfehler werden immer noch vielfach toleriert, die Bewegung und die Gesamterscheinung manches Tibet Terriers ähnelt eher der eines Afghanen, als dem, was man allgemein von einem typvollen Vertreter unserer Rasse erwarten kann.

Logisch folgt, daß Besitzer solcher Hunde geradezu ermuntert werden, diese ach so toll bewerteten und mit Champion- und Siegertiteln versehenen Tibet Terrier auch in ihren Zuchten einzusetzen. (... um wiederum solche "Ausstellungshunde" zu züchten!)


Unbestreitbar bleibt, daß Tibet Terrier in ihrem Erscheinungsbild in den letzten Jahren immer größer werden und auch das Wesen der Hunde mehr und mehr zu wünschen übrig läßt!

Manfred Keßler

Quellenangabe:

"Qualzucht bei Hunden"
Script eines Vortrags von Frau Dr. Helga Eichelberg,
Obfrau des VDH für Wissenschaft und Forschung,
Tagung der Zuchtverantwortlichen der VDH - Mitgliedsvereine,
in Dortmund im November 2000.

Rainer Marc Simon:
"Tierschutzrelevante Krankheitsdispositionen ausgewählter ausländischer Hunderassen
unter besonderer Berücksichtigung der Rassestandards und der Zuchtordnungen."

Quellenangabe zur Geschichte und Entwicklung des Tibet Terriers:
Thomas Lang, "Tibet Terrier?" , Seite 10-14
Charisma-Verlag Paretz, 1. Auflage 1991
mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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